Wie Anna Hing Leica von innen heraus nachhaltiger gemacht hat
Anna Hing, Industriedesignerin bei Leica Kamera und ehemalige Teilnehmende der CHANGEMAKER AKADEMIE, heute Fellow in unserer CRITICAL FRIENDS Community.
Eine Verpackung. Zwei Jahre. Kein Team, kein Budget, keine Blaupause.
Anna Hing ist Industriedesignerin bei Leica Kamera in München. Als sie 2021 anfängt und die Verpackungen des Traditionsunternehmens unter die Lupe nimmt, ist das Bild eindeutig: nicht recycelbare Schaumstoffe, überschüssiges Plastik, dreifach eingepackte Produkte. Und keine Nachhaltigkeitsabteilung, die das Thema auch nur auf dem Schirm hätte.
Also nimmt sie es selbst in die Hand.
Was folgt, ist kein Schnellprojekt, sondern ein zweijähriger Prozess durch Abteilungsgrenzen, Budgetdiskussionen und eine Unternehmenskultur, die erst überzeugt werden muss. Das Ergebnis: ein komplett neues, modulares Verpackungssystem. 100 Prozent papierbasiert. 100 Prozent recycelbar. Und trotzdem unverkennbar Leica.
Wie das gelingt, was die CHANGEMAKER AKADEMIE damit zu tun hat und was Anna über Resilienz, Generationenunterschiede und das Feiern von Veränderung zu sagen hat, liest Du hier.
„Die Verpackung war wirklich davor, neben diesem ästhetischen Thema. Also es war auf jeden Fall kein schönes Auspackerlebnis und nicht Premium genug für die Marke", erinnert sich Anna. Die Ausgangslage war klar: nicht recycelbare Schaumblöcke, übermäßige Plastikfolie, dreifach eingepackte Produkte. „Das komplett umzustellen ist einfach eine große Challenge, aber auch eine riesige Chance für Nachhaltigkeit in der Produktion und der Produkterfahrung unserer Kunden."
Anna Hing ist Industriedesignerin bei Leica Kamera in München. Seit 2021 arbeitet Anna im Design-Team des Traditionsunternehmens. Eines ihrer ersten Projekte führte sie tief in ein Thema, das auf den ersten Blick nebensächlich erscheint, aber enorme Auswirkungen hat: die Verpackungen der Leica Kameras.
Ein Zwei-Jahres-Prozess mit wenig Ressourcen
Bei Leica gab es damals keine Nachhaltigkeitsabteilung, keine Unternehmensstruktur, die das Thema überhaupt systematisch bedachte. Als Anna auf die nicht-nachhaltige Verpackung hinwies, wurde schnell klar: Wenn sich hier etwas ändern soll, muss sie es selbst in die Hand nehmen. „Es gab kein Team, niemand der dran arbeitet", erinnert sich Anna. Sie ergriff die Initiative und wurde damit zur eigenverantwortlichen Projektleiterin für die komplette Umstellung der Verpackung. „Dadurch wurde ich sehr, sehr ernst genommen in diesem Projekt und ich habe das auch voll angenommen, diese Challenge. Ich habe mich nicht zurückgelehnt."
Was folgte, war ein zweijähriger Prozess, der weit über das reine Design hinausging. „Es geht in viel mehr Bereiche rein, als man denkt", erklärt Anna. Corporate Identity musste mitziehen, das gesamte Produktportfolio analysiert werden: Welche Boxgrößen braucht es? Welche Anforderungen haben schwere Kameras versus leichte Zubehörteile? Wird es in zwei Jahren noch Zubehör in den Boxen geben oder ändern sich die Größen dann wieder komplett?
Die größte Herausforderung war jedoch nicht technischer Natur. „Man muss immer auch in die Diskussion gehen mit sehr vielen Managern und auch verschiedenen Business Areas, die wiederum verschiedene Produkte haben", sagt Anna. Jede Abteilung hatte unterschiedliche Budgets, unterschiedliche Prioritäten. „Es ist ein totaler Kraftakt, vor allen Dingen mit ganz wenig Menschen."
Zwischen Premium-Anspruch und Nachhaltigkeit
Nach den vielen Abstimmungen begann die eigentliche Gestaltungsarbeit. Doch schnell wurde klar: Nachhaltigkeit bedeutete nicht einfach, Plastik durch Papier zu ersetzen. „Es geht nicht nur darum, irgendwas Recycelbares zu nehmen“, sagt Anna. „Die Verpackung muss sich trotzdem nach Leica anfühlen.“
Die Anforderungen waren hoch. Das Material sollte 100 Prozent recycelbar sein, die Kamera zuverlässig schützen, hochwertig aussehen, nicht fusseln, nicht billig wirken und gleichzeitig bezahlbar bleiben. „Wir sind ganz viele Schaumalternativen durchgegangen“, erzählt sie. „Und haben gemerkt: Es gibt eigentlich kaum recycelte Alternativen, die wirklich Premium sind.“
„Wir konnten nicht das bestmögliche Material nehmen, es zu teuer wäre gewesen.“ Also hieß es neu denken, geeignete Lösungen finden und neu kalkulieren. Nachhaltigkeit im Spannungsverhältnis zwischen Design, Einkauf und Budget. „Ich habe mich wiedergefunden konstant zu erklären, warum sich diese Entscheidung langfristig lohnt und wir diesen Weg gehen sollten.“
Am Ende entstand ein komplett verändertes Verpackungssystem. Statt vieler produktspezifischer Boxen entwickelte Anna ein modulares Konzept, das für unterschiedliche Kameras und Zubehörteile funktioniert. „Dadurch haben wir einfach auch weniger Boxen. Wir können sie jetzt für verschiedenste Kameras einsetzen." Das spart nicht nur Material, sondern auch Lagerfläche, Produktionsaufwand und Transportwege.
Heute sind die Leica-Verpackungen vollständig papierbasiert und zu 100 Prozent recycelbar.
Rückhalt durch die CRITICAL FRIENDS
Anna lernte die CRITICAL FRIENDS 2023 auf einem Event eines Verpackungsherstellers kennen. „Ich war super, also sofort begeistert. Ich dachte mir nur, ich würde die so gerne kennenlernen." Sie schrieb das Team an, traf sich auf ein Mittagessen und wurde Teilnahmerin der CHANGEMAKER AKADEMIE.
„Das Netzwerk gab mir die Kraft, zu wissen, dass ich an etwas arbeite, woran auch andere Menschen glauben", sagt Anna. Besonders hilfreich waren die Personal-Growth-Themen der Akademie: „Einfach auf seinem Boden zu stehen, sehr verankert zu bleiben mit sich selber." Anna hat in der Akademie die Kraft bekommen, die Veränderung zu starten und Ihre Umwelt genauso für den Verändernugsprozess zu begeistern. „Resilient zu sein und sich bewusst zu sein, dass die Skepsis nicht mir als Mensch gilt, sondern dem Thema. Eine Art „inneren Peace“ zu haben während solchen Diskussionen, das ist recht wichtig."
Brücken bauen und Gräben schließen
Anna ist die einzige Frau in einem Team von älteren Männern. „Es ist ein Age Gap und Gender Gap und ich merke den natürlich jeden Tag." Die Akademie half ihr dabei, mit dieser Realität umzugehen: „Auf einer psychologischen Ebene, auch mit Resilienz und diesen Themen innerer Arbeit."
Hinzu kam die Arbeit mit unterschiedlichen Generationen. „Man hat Menschen drin, die sitzen schon Jahrzehnte in ihrem Job und haben vielleicht anfangs auch Ambitionen gehabt, aber sind vielleicht auch schon ein bisschen müde und haben keinen Bock mehr." Diese Menschen begeistert Anna für neue Materialien, neue Prozesse, neue Wege. „Ich selbst finde für solche Situationen ein Netzwerk, wie die CRITICAL FRIENDS, die dann supporten und Rückhalt geben, sehr wertvoll."
Und sie hat es geschafft. „Wir haben es geschafft", sagt Anna stolz. „Aber es war manchmal herausfordernd! Weil nicht nur auf der nachhaltigen Seite, auch auf der ästhetischen Seite, musst du immer wieder sagen: Nee, das passt nicht, ich möchte es anders haben."
Resultate feiern!
Am Ende des Gesprächs kommt Anna noch auf etwas zu sprechen, das ihr wichtig ist: „Es hilft, die Resultate zu feiern. Veränderung bringt immer Anstrengung mit sich. Und wenn das dann auch belohnt wird und man merkt, das war jetzt eine gute Sache, wir haben was Gutes geschafft, ist das wertvoll. Sonst versinkt die Mühe und Anstrengung irgendwo."
Anna Hings Geschichte zeigt: Nachhaltigkeit durchzusetzen ist ein Marathon. Ausdauer, Überzeugungskraft, strategisches Denken und ein Netzwerk wie die CRITICAL FRIENDS, das einem den Rücken stärkt, wenn der Gegenwind stärker wird. „Change ist ein ganzheitlicher Prozess und du musst alle mitnehmen".
Sie hat alle mitgenommen. Und Leica hat heute eine Verpackung, die zeigt: Premium und Nachhaltigkeit schließen sich nicht aus.
Über die CRITICAL FRIENDS
CRITICAL FRIENDS ist eine Bewegung für Changemaker*innen in Unternehmen. Mit der CHANGEMAKER AKADEMIE begleitet CRITICAL FRIENDS Menschen wie Anna dabei, Veränderungen mit Fokus auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit sowie persönliches Wachstum voranzutreiben. Die CRITICAL FRIENDS Community ist ein Netzwerk von Changemakern, die gemeinsam an einer zukunftsfähigen, verantwortungsvollen Wirtschaft arbeiten. Im Mittelpunkt stehen systemisches Denken, innere Arbeit und regenerative Perspektiven – als Gegenpol zur reinen Performance- und Wachstumslogik.