Kapitalismuskritik mit Thomas Kobuk


Im letzten Transformation Talk der CRITICAL FRIENDS Community war Thomas Kobuk zu Gast. Er hat das Buch „Kapitalismuskritik für Fortgeschrittene" geschrieben. Der Abend hat eines deutlich gemacht: Wer Wirtschaft wirklich verstehen will, muss tiefer graben als bis zur Empörung.

Wir haben über Freiheit gesprochen, die nicht für alle gleich aussieht. Über Eigentum, das je nachdem was man besitzt, völlig unterschiedlich wirkt. Und über eine Form der Kritik, die nicht moralisiert, sondern fragt: Welche Logik steckt eigentlich dahinter?

Elena Paß hat den Abend für uns festgehalten und zusammengefasst, was bewegt hat und welche Fragen wir mit nach Hause genommen haben.


Kapitalismuskritik für Fortgeschrittene: Was wir von Thomas Kobuk über Freiheit, Eigentum und Transformation lernen konnten

 In unserem letzten Transformation Talk war Thomas Kobuk zu Gast. Autor von Kapitalismuskritik für Fortgeschrittene und jemand, der es schafft, ein riesiges Thema so aufzumachen, dass man wirklich noch mal neu ins Denken kommt.

Es ging nicht einfach um die bekannte Feststellung, dass im Kapitalismus vieles ungerecht läuft. Es ging um die Frage, was Kapitalismus eigentlich in seinem Kern ausmacht. Und darum, warum viele Formen der Kritik zwar verständlich sind, aber oft nicht weit genug führen.


Freiheit und Eigentum als Ausgangspunkt

Thomas hat Kapitalismus über zwei Begriffe aufgerollt, die uns im Alltag so selbstverständlich erscheinen, dass wir sie kaum noch anschauen. Freiheit und Privateigentum.

Freiheit klingt erst mal nur gut. Die Freiheit, den eigenen Beruf zu wählen. Die eigene Meinung zu äußern. Den eigenen Glauben zu leben. Sich frei zu bewegen. Im historischen Vergleich ist das natürlich ein enormer Fortschritt, gegenüber feudalen Gesellschaften sowieso.

Auch Privateigentum erscheint zunächst wenig kontrovers. Dass Menschen Dinge besitzen dürfen, die sie nutzen, schützen und verwalten, wirkt erst mal plausibel. Von Thomas lernten wir: Nicht jedes Eigentum ist gleich.


Nicht alles Eigentum wirkt gleich

Ein Gedanke, der bei vielen hängen geblieben ist, war die Unterscheidung zwischen Konsumgütern und Produktionsmitteln.

Ein Handy, ein Auto oder eine Unterhose sind Dinge, die wir nutzen. Sie sind nützlich, aber sie kosten Geld. Produktionsmittel funktionieren anders. Sie werfen Geld ab. Sie ermöglichen Einkommen, Rendite, Gewinn.

Die Zuspitzung war einfach und wirksam. Manche Dinge machen ihre Besitzer materiell reicher und finanziell ärmer. Andere machen ihre Besitzer auch finanziell reicher.

Was daran irritiert, ist nicht nur die ungleiche Verteilung solcher Mittel, sondern auch, dass unser Rechtssystem beides unter derselben Kategorie schützt --> Privateigentum. Als wäre es ökonomisch dasselbe, ob jemand eine Zahnbürste besitzt oder eine Fabrik.

Genau an diesem Punkt wurde klar, dass Eigentum nicht nur eine private Angelegenheit ist, sondern eine gesellschaftliche Strukturfrage.


Lohnarbeit ist nicht einfach ein neutraler Vertrag

Von dort aus führte der Abend fast zwangsläufig zur Lohnarbeit.

Wer keine Produktionsmittel besitzt, muss die eigene Arbeitskraft verkaufen. Formal geschieht das frei. Niemand wird direkt gezwungen, genau diesen einen Job anzunehmen. Und doch entsteht ein Verhältnis, das nicht symmetrisch ist. Die einen brauchen den Lohn, um leben zu können. Die anderen kaufen Arbeit ein, um mit ihr wirtschaften zu können.

Thomas hat diesen Gegensatz sehr klar benannt. Nicht als moralisches Problem einzelner schlechter Menschen, sondern als strukturelles Verhältnis mit gegensätzlichen Interessen. Für die einen ist Lohn die Lebensgrundlage. Für die anderen ein Kostenfaktor.

Das war ein wichtiger Punkt im Gespräch. Es ging gerade eben nicht darum, Unternehmer*innen zu verteufeln. Es ging um die Strukturen eines Systems, in dem die Interessen verschiedener Gruppen immer wieder aufeinanderprallen und gegensätzlich bleiben.


Wer verliert und woran messen wir eigentlich Reichtum?

Eindrücklich war auch der Teil des Abends, in dem es um die vielen Verliererinnen und Verlierer im Kapitalismus ging. Nicht nur im offensichtlichen Sinn von Armut oder Ausbeutung, sondern auch im ganz alltäglichen Sinn.

Zu wenig Zeit. Zu wenig Luft. Zu wenig frei verfügbare Lebenszeit.

Wenn Lohn für Wohnen, Essen, Kinder, Mobilität, Bildung und Alltag reichen muss und daneben kaum Zeit bleibt für Beziehungen, Regeneration oder Selbstbestimmung, dann stellt sich eine andere Frage. Vielleicht liegt das eigentliche Defizit nicht nur im Geld, sondern auch in der Zeit.

Dieser Gedanke hat resoniert. Dass Reichtum vielleicht nicht nur daran gemessen werden sollte, wie viel Geld verfügbar ist, sondern auch daran, wie viel Leben verfügbar ist.

Hinzu kommt die Arbeit, die meist unsichtbar bleibt. Care Arbeit, Beziehungsarbeit, Sorgearbeit. Und natürlich die Natur. In dieser Logik erscheint sie nicht als Mitwelt, von der wir leben und mit der wir sorgsam umgehen müssten, sondern vor allem als etwas, das genutzt werden kann. Als Rohstoffquelle, als Fläche, als Ressource und als Müllkippe. Was keinen Preis hat oder keinen unmittelbaren Gewinn bringt, wird leicht übersehen, ausgebeutet oder zerstört. Auch das ist kein Nebeneffekt, sondern tief in einer Wirtschaftsweise angelegt, die vor allem auf Verwertung ausgerichtet ist.


Warum moralische Kritik oft ins Leere läuft

Thomas hat aufgezeigt, dass es zwei verschiedene Arten gibt, den Kapitalismus zu kritisieren: moralisierend oder sachlich.

Die in der Debatte vorherrschende moralisierende Kapitalismuskritik empört sich über Ungerechtigkeit. Sie stellt fest, dass die Zustände unfair, ungleich oder zerstörerisch sind; kritisiert, dass Manager das 30-fache Verdienen, dass die einen mehr und die anderen weniger haben, obwohl das nichts mit Leistung zu tun hat. Diese Feststellung ist nicht falsch. Aber sie erklärt nicht, warum die Dinge so funktionieren, wie sie funktionieren, wie und warum es überhaupt zu den „ungerechten“ Missständen kommt.

Die Einladung war deshalb, genauer hinzuschauen. Nicht nur zu sagen, dass etwas falsch läuft, sondern zu verstehen, welche Logik dahintersteht: Welche Zwecke verfolgt Produktion im Kapitalismus? Was wird eigentlich hergestellt und für wen? Warum genau verdient der CEO so viel mehr und warum besteht Altersarmut?

Sobald man tiefer gräbt, das ‚Warum‘ wirklich verstehen möchte, gelangt man schnell auf die strukturelle Ebene, die eine Kritik am jetzigen Wirtschaftssystem unausweichlich macht.

Ein Beispiel, mit dem man sich laut Thomas nähern kann, ist die einfache Frage, warum ein Bäcker Brot backt. Die naheliegende Antwort (die wohl die meisten auch so geben würden) wäre, damit Menschen etwas zu essen haben. Die zugespitzte Analyse lautete aber, dass im Kapitalismus Brot gebacken wird, um durch den Verkauf einen Umsatz, im Besten Fall Gewinn zu erzielen. Bedürfnisse zählen also im Endeffekt nur dort, wo Kaufkraft vorhanden ist. Alles andere wäre Diebstahl.

Gerade diese Verschiebung vom moralischen Urteil zur Analyse war für viele im Raum spannend, gerade weil sie so einfach scheint und doch die Logik des Kapitalismus verständlich macht.


Und was heißt das für Transformation?

Spätestens hier wurde es für uns als CRITICAL FRIENDS besonders relevant.

Wenn wir über Transformation sprechen, über regenerative Wirtschaft, über neue Formen des Zusammenwirkens, über andere Zukünfte, dann stellt sich die Frage, wie tief wir eigentlich ansetzen wollen. Reicht es, bestehende Verhältnisse menschlicher, nachhaltiger und gerechter zu gestalten? Oder müssen wir an die Grundprinzipien ran?

Auch diese Frage blieb bewusst offen. Aber sie stand deutlich im Raum. Vor allem die Eigentumsfrage ließ sich nach diesem Abend nicht mehr so leicht umschiffen: Müssten Unternehmen konsequent in den Händen der Vielen, der Beschäftigten sein, damit ein Wandel zu mehr Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit möglich ist? Ist die Vergesellschaftung ein valides und effektives Mittel?

Gleichzeitig wurde auch spürbar, wie schwierig diese Gespräche sind: Sie sind nicht nur intellektuell herausfordernd, sondern auch psychologisch. Thomas brachte das mit einem zugespitzten Satz auf den Punkt. „Die glücklichen Sklaven sind die größten Feinde der Freiheit.“ Darin steckt die Spannung, dass aktuell viele Menschen ihre Erschöpfung, ihren Druck oder ihre Abhängigkeit sehr wohl erleben und sich gleichzeitig als frei verstehen. Sie verspüren trotz gefühltem „Leid“ eben nicht den Impuls, an den Strukturen unseres Wirtschaftssystems müsste sich etwas ändern. Genau über dieses Phänomen müssen wir auch sprechen, wenn wir Transformation gestalten wollen.


Was wir mitnehmen

Was bei mir besonders hängen geblieben ist, war ein Gedanke von Thomas zur Frage nach Alternativen. Er meinte sinngemäß, dass wir oft zu schnell bei der Lösung sein wollen. Kaum wird Kapitalismus kritisiert, kommt schon die Frage, wie es denn stattdessen gehen soll.

Sein Punkt war, dass diese Frage zwar naheliegt, aber eigentlich einen Schritt zu früh kommt.

Denn die Richtung der Veränderung hängt davon ab, was genau wir kritisieren. Wenn ich finde, dass Wirtschaft vor allem zu wenig nachhaltig ist, dann suche ich nach Wegen, wie Wirtschaft ökologischer, achtsamer und zukunftsfähiger werden kann. Wenn ich das Hauptproblem eher in der Eigentumsordnung sehe, dann lande ich bei ganz anderen Fragen. Dann geht es nicht zuerst um grünere Produkte oder bessere Regeln, sondern darum, wem eigentlich Produktionsmittel gehören und wer über sie verfügen kann.

Thomas hat an der Stelle sogar CRITICAL FRIENDS als Beispiel genannt. Wenn die Kritik lautet, dass die Wirtschaft, wie sie heute organisiert ist, zu viel zerstört und zu wenig auf Leben ausgerichtet ist, dann kann daraus eine Initiative entstehen, die genau dort ansetzt und versucht, andere Formen des Wirtschaftens sichtbar und möglich zu machen.

Ich fand daran stark, dass Kritik hier nicht als Nörgelei oder reine Ablehnung verstanden wurde. Sondern als Ausgangspunkt. Als etwas, das Richtung gibt. Nicht erst am Ende steht also die Frage, was wir tun, sondern schon in der Art, wie wir das Problem beschreiben, liegt eine erste Antwort darauf, wohin es gehen könnte.

Vielleicht ist das auch für uns eine hilfreiche Erinnerung. Dass wir nicht sofort das komplette Gegenmodell parat haben müssen. Aber dass es einen Unterschied macht, wie genau wir benennen, was eigentlich nicht stimmt. Denn daraus entsteht, woran wir arbeiten.


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