Klimatrauer und wohin damit.

Klimatrauer. Ein Wort, das vieles beschreibt und das wir selten laut aussprechen. Anna Goldhofer schreibt darüber, was auf dem letzten Gathering passiert ist, warum Joanna Macys „Work That Reconnects" uns inspiriert hat und was es bedeutet, Trauer nicht wegzudrücken, sondern als Weg zur Verbundenheit und Handlungsfähigkeit zu verstehen.


Manchmal, zur Zeit recht regelmäßig, bleibt mir die Luft weg. Insbesondere beim Lesen von Klimaberichten oder Dokumentationen über systemische Gewalt. Dann entsteht ein Druck auf der Brust, eine Enge, die sich ausbreitet wie eine angehende Panikattacke. Bei Flo äußert es sich anders: als Dünnhäutigkeit, als dieses gereizte Gefühl, als üble Laune, die man niemandem so richtig erklären kann. Und meistens tun wir das, was wir gelernt haben zu tun: wegdrücken. Weitermachen.

Was wir da fühlen, hat einen Namen. Weltschmerz. Klimatrauer.

Es ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn man ehrlich hinschaut. Auf brennende Wälder und sterbende Korallenriffe und sehr nasse, apere Gletscher. Auf eine Wirtschaftsordnung, die wenige reich und viele ohnmächtig macht und auf Entscheidungsträger*innen, die genau wissen, was auf dem Spiel steht, und trotzdem weitermachen. Auf ein System, das auf Kosten zukünftiger Generationen Gewinne maximiert und auf die stille Komplizenschaft derer, die es ändern könnten, es aber nicht tun.

Beim CRITICAL FRIENDS Gathering haben wir uns damit auseinandergesetzt. Weil wir das Gefühl haben, dass unter der Oberfläche bei allen etwas brodelt, was selten Raum bekommt. Und weil unsere Fellows Menschen sind, die angesichts der Krisen unserer Zeit weder in Lähmung noch in Gleichgültigkeit versinken wollen und sollen. 

Als Inspiration haben wir die Arbeit der Aktivistin und Ökologin Joanna Macy herangezogen. Sie hat über Jahrzehnte ein Modell entwickelt, das sie „Work That Reconnects" nennt. Im Zentrum steht eine Spirale in Form einer Pusteblume, die durch vier Phasen führt.

Joanna Macy beschreibt in ihrem Modell vier Phasen:

Coming from Gratitude – Dankbarkeit als Einstieg. Nicht als positives Denken, sondern als Verankerung. Bevor wir den Schmerz anschauen können, erden wir uns in dem, was uns trägt: Was liebe ich? Was schätze ich? Was will ich eigentlich schützen? Gefühle von Unzulänglichkeit können sich auflösen, während wir uns für Empathie und Zuversicht öffnen. Die Dankbarkeit macht uns erst fähig, den Schmerz zu halten.

Honoring Our Pain for the World – Den Schmerz für die Welt ehren. Joanna Macy meint damit: Mitgefühl im wörtlichen Sinne, mitleiden. Trauer wird hier nicht als Schwäche behandelt, nicht als etwas, das man schnell überwinden sollte. Sie ist ein Zeichen dafür, dass man noch lebendig ist, dass einem etwas wichtig ist. Was uns in privatem Schmerz isoliert hat, öffnet sich nach außen und führt uns in die weiteren Bereiche unserer Verbundenheit. Trauer öffnet den Weg zu Mut, Vorstellungskraft und Gerechtigkeitssinn.

Seeing with New/Ancient Eyes – Mit neuen und alten Augen sehen. Nach dem Schmerz entsteht eine veränderte Wahrnehmung. Wir beginnen zu spüren, wie intim und vollständig wir mit allem verbunden sind. Es wird klarer, wie soziale Gerechtigkeit und ökologische Gerechtigkeit untrennbar zusammenhängen. Die Trauer hat die Schichten der Betäubung abgetragen, jetzt kann ein erweitertes Bewusstsein entstehen.

Going Forth – Aufbrechen. Aus dem Durchlebten entsteht Handlungsfähigkeit. Nicht ein fertiger Plan, sondern ein erster Schritt. Wir bewegen uns in die Handlungen, die uns rufen, je nach unserer Situation, unseren Gaben und Grenzen. Jeder Schritt wird unser Lehrer sein.

Macy dreht damit eine verbreitete Annahme um. Wir glauben oft, erst über den Schmerz hinwegkommen zu müssen, um wieder handlungsfähig zu sein. Aber das Gegenteil stimmt. Wer den Schmerz wegdrückt, stark ist, eine Mauer baut, der stumpft insgesamt ab.

Der Emotionsforscher James Gross von der Stanford University hat in jahrzehntelanger Arbeit untersucht, was passiert, wenn Menschen ihre Gefühle unterdrücken. Sein zentrales Ergebnis ist so einfach wie ernüchternd: Wer negative Emotionen dauerhaft wegdrückt, erlebt dadurch nicht weniger negative Gefühle, aber spürbar weniger positive. Die Unterdrückung lässt den inneren Schmerz intakt, kappt aber gleichzeitig die Höhen. Wer sich also entscheidet, Wut und Verzweiflung nicht mehr an sich ranzulassen, entscheidet sich langfristig gegen die volle Intensität von Liebe, Freude, Euphorie. Das Leben wird flacher. Ruhiger vielleicht, aber auch ärmer.

Daher ist Phase zwei so wichtig: durch den Schmerz gehen. Den Schmerz besprechen, ihn erleben, ihn zulassen. Eine Runde weinen, wenn es sein darf. Und das am besten nicht allein, sondern in Gemeinschaft. Denn geteiltes Leid ist tatsächlich halbes Leid.

An diesem Montagabend haben wir also in Zweiergruppen geredet, mit drei einfachen Fragen: Was nimmst du wahr, wenn du ehrlich hinschaust auf das, was gerade mit der Erde passiert? Ein Gefühl, ein Bild, vielleicht auch etwas, das du lieber nicht so genau anschaust. Was hilft dir, mit dem Schweren in Verbindung zu bleiben, ohne dich darin zu verlieren? Was merke ich, wenn wir gemeinsam im Workshop diese Fragen ansehen und dafür Raum geben?

Was dabei entstanden ist, war heilsam und tiefgehend. Fellows, die sich gegenseitig in ihre ziemlich ähnlichen Gefühlswelten mitgenommen haben. Nicht, um die Krisen zu lösen. Aber um mit den großen Gefühlen, die uns alle immer wieder überkommen, nicht allein zu sein.

Unsere Gefühle reichen von Ohnmacht angesichts schier unveränderlicher Strukturen über Verzweiflung bis hin zu echter Wut, wenn wieder jemand seine Partikularinteressen auf Kosten zukünftiger Generationen durchsetzt.

Schmerz und Trauer gelten in Joanna Macys Modell nicht als Hindernis, das überwunden werden muss, bevor man handeln kann. Sie sind das Tor zur Verbundenheit und zur Handlungsfähigkeit. Wer seinen Schmerz für die Welt fühlt, liebt die Welt. Die Taubheit, der Zynismus verschwinden. Und aus dieser Liebe entsteht etwas viel Tragfähigeres als aus bloßer Pflicht oder Disziplin. Genau das brauchen wir jetzt.



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Kapitalismuskritik mit Thomas Kobuk